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HINTER DEN KULISSEN: Christine Weiß

Das Hamburger Modellprojekt NetzWerk GesundAktiv (NWGA) soll älteren Menschen dabei helfen, selbstständig in den eigenen vier Wänden zu leben und geeignete Unterstützungsmöglichkeiten im Quartier zu finden. Nun sind die vier Jahre Projektlaufzeit fast um – und wir möchten wissen, wie das Netzwerk bei den Teilnehmenden ankommt.

Hierfür hat der VDI/VDE-IT erneut eine Befragung unter den Teilnehmenden durchgeführt, berichtet Christine Weiß, Diplomingenieurin und Seniormanagerin im Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT.

Frau Weiß, warum haben Sie und Ihr Team im Rahmen des NetzWerks GesundAktiv, zusätzlich zur wissenschaftlichen Evaluation, eine jährliche Teilnehmerbefragung durchgeführt?

Christine Weiß: Seit 20 Jahren bin ich in der Forschungsförderung tätig und weiß, wie wichtig es ist, die sogenannten „Nutzer“, im NWGA die eingeschriebenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, möglichst frühzeitig und regelmäßig zu ihrer Zufriedenheit, dem Nutzen der Aktivitäten und deren Wirkung zu befragen. Die Teilnehmenden geben dabei als „Expertinnen und Experten in eigener Sache“ fundierte und direkte Rückmeldungen, die den Konsortialpartnern helfen, ihre Versorgungsangebote nachzujustieren und hilfreiche Ansätze auszubauen.

Die Befragungen haben wir zum einen als Telefonbefragungen durchgeführt, zum anderen auch als Online-Befragungen über den PAUL angeboten. Mein Team und ich haben nur Personen angerufen, die zu Beginn bei der Einschreibung eine Einverständniserklärung unterschrieben hatten. Mit der wachsenden Anzahl an Teilnehmenden wuchs auch die Anzahl der Befragungen, die wir im Verlauf der Projektlaufzeit durchführen durften (2018: 62; 2019: 134; 2020: 295). Die Ergebnisse wurden grafisch aufbereitet und bei den Konsortialsitzungen durch mein Team und mich präsentiert.

Abb. 1: Entwicklung der Anzahl befragter Teilnehmender (Quelle: VDI/VDE-IT)

 

Was kam dieses Mal bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern besonders gut an?

Weiß: Die Befragungen im April und Mai 2020 standen ganz im Zeichen der möglichen Fortführung besonders geeigneter Versorgungsangebote über das Projektende hinaus. Dazu wurde das Gesamtangebot bereits im Vorfeld der Befragung bei einem von uns moderierten internen Workshop der Projektpartner in drei Schwerpunkte unterteilt. Diese Schwerpunkte werde ich nun im Folgenden kurz beschreiben und ein besonders eindrückliches Beispiel herausheben:

  • Geriatrische Innovation

    Beschreibung: Kombination aus Eingangsuntersuchung, Empfehlungsschreiben und alltäglichen Umsetzungen.

    Beispiel: Viele Befragte gaben an, dass die Ergebnisse der Eingangsuntersuchung sie zu einer positiven Verhaltensänderung motiviert haben. Seither achteten diese Personen auf verstärkten Muskelaufbau (u. a. Krafttraining, Fitnessstudio) oder bessere Balance (u. a. Sturzprophylaxe, Fahrradtraining bzw. sogar Trampolinspringen).

  • Versorgungsinnovation

    Beschreibung
    : Zusammenführung von Medizin, Therapeuten und Fallmanagement in einer Koordinierende Stelle bzw. einem Versorgungszentrum.

    Christine Weiß, Diplomingenieurin und Seniormanagerin im Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT


    Beispiel
    : Vor allem das persönliche Engagement der Fallmanagerinnen und -manager verursachte bei den Teilnehmenden ein Gefühl von Sicherheit und Zuwendung. Darüber hinaus erhielten die Befragten von der Koordinierenden Stelle noch wertvolle Hinweise zu gesundheitlichen Angeboten, aber auch zu interessanten Aktivitäten im Wohnumfeld. Ganz hoch im Kurs standen die Sommerfeste, aber auch das Adventssingen und das Tanzen.

  • Digitale Innovation

    Beschreibung
    : Das Tablet PAUL ermöglicht den Zugang zu digitalen Informationen, bietet Kommunikation und gibt Sicherheit im Alltag.

    Beispiel
    : Einige Befragte gaben an, dass PAUL-Tablet nicht zu benötigen, da sie bereits technisch ausgestattet sind, oder kein Interesse an der Nutzung eines digitalen Geräts haben. Aber die Teilnehmenden, die den PAUL intensiv nutzen, zeigten am Ende eine noch höhere Zufriedenheit mit dem gesamten Netzwerk. Dies liegt laut der Befragten zum einen am einfachen und zum Teil erstmaligen Zugang zu digitalen Medien, zum anderen aber auch am sehr beliebten Café PAUL, bei dem aus einem virtuellen Netzwerk eine reale Begegnung mit Gleichgesinnten wurde.

Am Ende der Befragung wurde die Gesamteinschätzung nach Schulnoten abgefragt. Hier erhielt das NetzWerk GesundAktiv mit 77 Prozent Einschätzungen „sehr gut“ bis „gut“ eine außerordentlich hohe Zustimmungsquote, die Hoffnung macht, dass ein vergleichbares Versorgungsangebot auch in Zukunft in Hamburg, aber auch deutschlandweit angeboten werden könnte.

Abb. 2: Große Zustimmung zum NetzWerk GesundAktiv (Quelle: VDI/VDE-IT)

 

Gibt es etwas, was Sie überrascht hat?

Weiß: Seit 2007 beschäftige ich mich mit technischen Innovationen für ältere Menschen und bin zutiefst überzeugt, dass die seit Jahren zunehmende Digitalisierung nicht vor dem Alter haltmacht. Ich habe seither so viele neugierige und lernbereite ältere Menschen kennengelernt, dass ich von den Chancen eines lebenslangen Lernens auch in diesem Thema überzeugt bin. Dennoch gab noch zu Beginn des Modellvorhabens NetzWerk GesundAktiv nicht wenige Kritiker, die das Thema „Digitalisierung“ als Zumutung für ältere Menschen gesehen haben, vor dem es sie zu schützen gilt. Noch weniger wurden Hochaltrige, also 80 Jahre plus, als Zielgruppe gesehen. Und jetzt beschäftigen sich viele Teilnehmende selbstverständlich und zum Teil virtuos mit ihren digitalen Medien und haben das PAUL-Tablet in ihr Herz geschlossen. Die anhaltende Corona-Zeit hat den Bedarf nur noch stärker aufgedeckt.

Mein Fazit: Unsere Nachkriegsgeneration ist auf Zack. Die älteren Menschen, Frauen und Männer gleichermaßen, sind lern- und innovationsbereit und offen für digitale Angebote, die ihnen einen Nutzen bringen – so wie im NetzWerk GesundAktiv!

Hintergrund

Das Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT aus Berlin führt von Projektbeginn an eine sozio-technische Begleitforschung im NetzWerk GesundAktiv durch. Dazu gehören unter anderem seit 2018 eine jährliche telefonische sowie Online-Befragung der eingeschriebenen Teilnehmenden. Bei der abschließenden Befragung im April und Mai 2020 beantworteten rund 300 NWGA-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer den Fragebogen.