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Hinter den Kulissen: Prof. Thiem, neuer Chefarzt für Altersmedizin im Albertinen Haus, stellt sich vor

Das Albertinen Haus hat seit Februar 2019 einen neuen Chefarzt für Altersmedizin, der zudem auf die Stiftungsprofessur für Geriatrie und Gerontologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berufen wurde: Prof. Dr. Ulrich Thiem ist Spezialist für Gesundheit und Medizin im Alter und kann fast 20 Jahre Erfahrung in der klinischen Geriatrie nachweisen. Prof. Thiem ist der Nachfolger von Prof. Dr. Wolfgang von Renteln-Kruse und betreut damit auch das Hamburger Leuchtturmprojekt NetzWerk GesundAktiv (NWGA), deren Koordinierende Stelle am Albertinen-Haus angesiedelt ist. Wir sprechen mit Prof. Dr. Thiem über das NWGA und darüber, was für eine gute Unterstützung und Betreuung im Alter wichtig ist.

Herr Prof. Dr. Thiem, Sie haben schon viele Erfahrungen in Geriatrischen Einrichtungen gesammelt und sind auch in der Forschung sehr aktiv. Dort koordinierten Sie unter anderem den vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbund PRISCUS zur „Gesundheit im Alter“. Mit welchen Themen haben Sie sich in der Vergangenheit vorrangig beschäftigt?

Prof. Dr. Thiem: Es sind zwei besondere Schwerpunktthemen, mit denen ich mich in Projekten in der Vergangenheit immer wieder beschäftigt habe. Das eine Thema ist die Therapie mit Medikamenten im Alter. Hier gibt es durch das gleichzeitige Vorliegen vieler verschiedener Erkrankungen, wie es bei Senioren häufig ist, vielfältige Aspekte der Therapiesicherheit zu beachten. Ein anderer Schwerpunkt sind Mobilitätsstörungen bei alten Menschen, insbesondere solche durch chronische Muskel- und Skelett-Erkrankungen, zum Beispiel durch Arthrose.

Wie wichtig ist Mobilität für ein selbstbestimmtes Leben im Alter und wie unterstützt das NWGA die Teilnehmenden dabei, mobil zu bleiben?

Prof. Dr. Thiem: Der Erhalt der eigenständigen Mobilität, d. h. der Gehfähigkeit möglichst ohne Hilfsmittel oder die Hilfe anderer Personen, ist ein zentraler, präventiver Bestandteil ärztlichen und altersmedizinischen Handelns. Stellen Sie sich selbst für einen kurzen Moment vor, wie anders der heutige Tag für Sie verlaufen wäre, wenn Sie z. B. einen Rollator als Gehhilfe brauchten oder Schwierigkeiten hätten, eine Treppenetage hinauf- oder hinabzusteigen. Oft kommt noch das Problem Angst hinzu. Viele Ältere schränken ihre Aktivitäten ein, weil sie Angst haben, zu stürzen. Das reduziert den eigenen Aktionsradius, wenn es z. B. um Einkäufe, den Besuch bei der Hausärztin oder soziale Kontakte zur Familie oder zu Freunden geht. Solche Problem zu erkennen, behebbare Ursachen zu beseitigen, und Betroffenen zu helfen, mit bestehenden Einschränkungen besser umzugehen, ist eine wichtige Maßnahme, um die Selbstbestimmung im Alter zu bewahren, das Selbstvertrauen zu stärken und letztlich die Lebensqualität der Senioren zu bessern.

Die Koordinierende Stelle am Albertinen-Haus ermöglicht den NWGA-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern eine individuelle Betreuung durch Fallmanagerinnen. Wie wichtig ist es für ältere Menschen, einen persönlichen Ansprechpartner zu haben?

Prof. Dr. Thiem: Das ist sehr wichtig für Ältere, und zwar aus mehreren Gründen. Viele Ältere trauen sich nicht, Fragen zur gesundheitlichen und sonstigen Versorgung zu stellen und eigene Sorgen, aber auch objektiv vorhandene Einschränkungen zu thematisieren. Bestehende Sturzangst oder tatsächlich geschehene Sturzereignisse werden Hausärzten oft gar nicht berichtet, obwohl durchaus eine Ursachenforschung angebracht sein kann. Informationen zu Sachfragen fehlen häufig, beispielsweise unter welchen Voraussetzungen ein Antrag auf Schwerbehinderung oder auf Pflegeeinstufung gestellt werden kann und wie man das konkret macht. Viele fragen nach altersgerechten Aktivitäten im Quartier, nach Sportangeboten etc. Für diese und weitere Punkte eine Anlaufstelle zu haben, die zuhören und weiterhelfen kann, wird deshalb dankbar angenommen.

Welche Hürden müssen in Zukunft für eine bessere altersmedizinische Versorgung überwunden werden?

Prof. Dr. Thiem: Da ist, glaube ich, ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig. Was die ärztliche Betreuung angeht, kommt den hausärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen eine große Bedeutung zu. Ihnen wird von Patienten durch die oft langjährig bestehende Vertrauensbeziehung eine hohe Kompetenz und hohe Glaubwürdigkeit bei der Beratung in gesundheitlichen Fragen zugeschrieben. Das sollten wir stärken, damit sich Hausärztinnen und Hausärzte auch auf die häufig zeitintensivere Konsultation durch Senioren einlassen können. Gerade Gesprächszeit ist etwas, was alten Menschen in unserem sehr technisch scheinenden Gesundheitssystem oft fehlt. Als Ansprechpartner für Fragen im Quartier wäre eine Anlaufstelle, wie es jetzt die Koordinierende Stelle ist, mit Kompetenz in der Sozialarbeit empfehlenswert. Aber auch konkrete Unterstützungsmaßnahmen können helfen. So würden sich viele Senioren, die keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen können, die Einrichtung von seniorengerechten Fahrdiensten wünschen, um Aktivitäten auch außerhalb des gewohnten, oft eingeschränkten Wirkungskreises wahrnehmen zu können.